Ingeborg Bachmanns Politik

Dies ist nicht Ingeborg Bachmann.
Gestern war Muttertag. Was hat der Muttertag mit Ingeborg Bachmann zu tun? Dies wird an dieser Stelle nicht beantwortet.
Vielmehr werden andere Fragen gestellt: Ingeborg Bachmann, bedeutende österreichische Lyrikerin und Prosaschriftstellerin des 20. Jahrhunderts, Verfasserin des Romans (?) “Malina”. Aus gegebenem Anlass wurde mir in den letzten Tagen Bachmanns Umgang mit der Öffentlichkeit (Interviews) näher gebracht. Sie hat es nicht geliebt sich der Öffentlichkeit verbal anzuvertrauen: “Ich sag`es lieber mit den Worten, die ich geschrieben habe“. Das Äußern über öffentlich-politische Angelegenheiten, das Stellung-Beziehen und alles in allem das von ihr verlangte  - aber vermisste – “politische Engagement”, dies alles berührte sie unangenehm. Was sie zu “sagen” hatte, das tat sie in niedergeschriebener Form, “denn dafür schreibt man ja!” All jene Mühlbauers aber, welche sich den Kopf über das Autobiographische an “Malina” zerbrachen und vergeblich eine klare politische Aussage in eben diesem Werk suchten, scheiterten daran, ihrer Leserschaft die (politische) Person Ingeborg Bachmann näher zu bringen. Denn konkrete Meinungsäußerungen zu “künstlichen Problemen” der Gesellschaft, diese überließ sie lieber den Politikern. Weiter noch, ist solches für sie auch nicht Aufgabe einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers.Â
Welche Rolle sollen aber SchriftstellerInnen – und andere Intellektuelle – in einer Gesellschaft übernehmen? Ist es wirklich erstrebenswert, das Feld der Politik den PolitikerInnen zu überlassen? Oder ist dies bloß eigennützige Einstellung einer scheuen Schriftstellerin, die sich nach Rom zurückgezogen hat, um ungestört über Österreich schreiben zu können? Österreich, als für sie zur Ruhe gekommener Ort, der sich aus der Weltgeschichte verabschiedet hat. Als Lokalität, die eine gewisse objektive Perspektive auf den geschäftigeren Rest ermöglicht. Wurde nun aber zurecht mehr politisches Engagement von ihr verlangt? Hätte sie sich, aus ihrer österreichischen “objektiven Perspektive” heraus, mehr am politischen Diskurs beteiligen sollen? Hier geht es freilich nicht um die Frage eines Versäumnisses und damit verbundener Schuld. Es soll die Frage gestellt werden, welche Rolle der und des Intellektuellen aus Bachmanns zurückhaltenden Äußerungen skizziert werden kann. Damit verbunden scheint mir eine gründliche Ablehnung der (österreichischen) politischen Öffentlichkeit mit alle ihren Scheinproblemen, Scheinantworten und der journalistischen “Berichterstattung in Abhängigkeiten”. Äußerungen von ihrer Seite dazu, bezeichnet sie  als schlicht “nicht maßgeblich” – sind ihr dafür vielleicht gar zu schade?
Ihre Zurückgezogenheit und Vorsichtigkeit, ihr Unwille zum verbalen politischen Statement, all das muss freilich akzeptiert werden – dies steht ohnehin außer Frage. Was sie mitteilen wollte, das tat sie in geschriebenen Worten. Und in eben diesen lagen wahrscheinlich vielfach konkretere politische Äußerungen, als der eine oder andere Interviewpartner erkennen konnte. Dennoch trägt das Beispiel der zu früh gestorbenen Autorin einiges zur sehr aktuellen Politikverdrossenheit bei. Es impliziert, basierend auf ihrem Gefühl des Unvermögens, eine sehr österreichische Abneigung gegenüber politischer Beteiligung. Die (junge) Gesellschaft kehrt der Politik den Rücken zu. Selbst Intellektuelle überlassen die Politik den PolitikerInnen. Das verbreitete – und mir sehr vertraute – Gefühl der Unerheblichkeit eigenen Engagements ist tief in der gegenwärtigen Gesellschaft verankert. Aber dabei einfach sitzen bleiben? Kasperl und Pezi Politik machen lassen? Intellektuelle, die sich aus der Politik heraushalten, ihre Meinung für nicht maßgeblich erachten? Resignieren – Abschalten – Ablenken. Nun, Bachmann selbst fand ihre Erleichterung im Schreiben – das war ihr Weg, sich der Öffentlichkeit zu öffnen. Das war Bachmanns Politik?
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K.P. (2009): Ingeborg Bachmann – Interviews, Diplomarbeit der Germanistik, Universität Wien

Mai 14th, 2009 at 10:25
Kleine Ergänzung: Tatsächlich musste sich Ingeborg Bachmann von vielen Seiten den Vorwurf anhören, ihrem Roman fehle das politische Engagement. Das lässt sich unter anderem dadurch erklären, dass „Malina“ zu einer Zeit erschienen ist, in der der Tod der Literatur ausgerufen wurde und Schriftsteller gern als politische Aktionisten betrachtet wurden. Bachmann hält sich aus den öffentlichen Diskursen raus und findet ihre eigene Weise, mit der Wirklichkeit umzugehen, was nicht heißt, sie hätte Politisches ausgelassen. Ihr Weigern, die Haltung zu „Gesellschaft und Politik“ in Interviews auszudrücken, rührt von einer anderen Seite her. Sie kritisiert die Verwendung von abgenützten Phrasen ohne Inhalt, die in einem solchen Gespräch zwangsweise verwendet würden. Man müsse neue Begriffe finden, die noch etwas sagen, man müsse eine neue Sprache finden. Und genau diesen Versuch unternimmt die Autorin in ihrer Literatur. Einem etwas tiefer gehenden Blick wird sich einiges zeigen, wenn auch der Kalte Krieg nicht vorkommt. Die Romanhandlung bewegt sich aber in einer Gesellschaft, die unserer sehr ähnlich ist, und da geschieht so einiges…Und wenn die Autorin ihre Meinung als „nicht maßgeblich“ bezeichnet, so ist die Aussage mit Vorsicht zu genießen, denn hier wird streng unterschieden zwischen „Meinung“ und „Ausdruck“. Schreiben war tatsächlich ihr Weg, sich der Öffentlichkeit zu öffnen, und zwar auf radikale Weise. Von Politikverdrossenheit kann hier nicht die Rede sein, man muss nur genauer hinsehen.
Mai 15th, 2009 at 18:23
[...] GASTARTIKEL von C.neu mit Bezug auf “Ingeborg Bachmanns Politik“. [...]