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Artikel der Kategorie Mai, 2009

Erasmus in Christiania

Mai 31, 2009 Von: tocomei Kategorie: Allgemein, Erasmus Noch keine Kommentare →

 

Flagge von Christiania

Flagge von Christiania

Schauplatz Dänemark: Zu Besuch bei einem Erasmus-Studenten in Kopenhagen. Die Freistadt Christiania, nicht fern der Kopenhagener Innenstadt gelegen, besitzt Kindergarten, Schule, Gesundheitshaus, “Supermarkt”, zahlreiche Bars … aber keine Universität. Und selbst wenn sie eine hätte, würde es vermutlich keine so einfache Mobilitätszusammenarbeit mit anderen Universitäten geben, da Christiania selbsternanntes Nicht-EU-Mitglied ist. “Willkommen in Christiania!” liest man beim Betreten des Areals, “Achtung, du betrittst die EU!” beim Verlassen. Wer sich also – wie einige StudentInnen – dafür entscheidet, die Zeit in der alternativen Wohnsiedlung zu verbringen, dem bleibt die Möglichkeit, für den universitären Alltag in die EU zu pendeln – es ist gar nicht mal so weit.

Die Freistadt Christiania wurde 1971 von Studenten gegründet bzw. bevölkert und umfasst die 34ha eines ehemaligen Militärgeländes. Der “unabhängige” Status wird von den Kopenhagener Behörden weitgehend toleriert, wobei die Utopie dennoch stetig vom Untergang bedroht wird. Auf dem verhätnismäßig nur leicht besiedeltem Gebiet existiert weder Hauseigentum noch Mietverhältnis. Es wird nicht neu gebaut, sodass Christiania eine grüne Oase inmitten eng bebauter Viertel blieb. Das Areal besitzt breiten Zugang zu (See-) Wasser und bietet zahlreiche idyllisch-verwachsene Uferplätzchen. All das lässt erahnen, welch Einnahmeeinbußen die Stadt Kopenhagen für ihre Toleranz hinnehmen muss. Viele Versuche wurden bereits gestartet, aber die Pro-Christiania-Lobby ist potenter, als die Situation vermuten ließe…

Es ist nicht leicht, sich schnell ein Bild von Christiania zu machen. Wie bereits erwähnt, übt die Freistadt auf Besucher – seien es Erasmus-StudentInnen oder (junge) Touristen – eine beachtliche Anziehung aus. Bei den DänInnen ist die Begeisterung deutlicher verhaltener. Die nun bereits 38 Jahre bestehende, vermeintliche Utopie ist zu einer Art Touristenattraktion geworden, und hat auf diesem Wege einiges an Originalität eingebüßt. Diese stützte sich auf Ideen wie Basisdemokratie in Konsens, ökologischereres Leben, Nachhaltigkeit, alternative Konfliktregelung, einem eigenen Währungskonzept und ähnlichem mehr. Vier unverletzliche Regeln wurden vom gemeinschaftlichen Plenum aufgestellt:

  •  Keine harten Drogen
  •  Keine Rockerwesten mit Klubabzeichen 
  •  Keine Waffen
  •  Keine Gewalt

Auch jegliche Motorisierung wurde aus dem Gelände verbannt. Der Konsum von weichen Drogen (Marihuana, Haschisch) ist erlaubt und selbst der Handel wird innerhalb Christianias Grenzen von den dänischen Behörden toleriert – wenn es auch immer wieder Vorstöße dagegen gegeben hat. Diese sich insbesondere auf Fremde auswirkende Attraktivität des scheinbar alternativen Lebens hat dem Projekt eine deutlich kommerzielle Note beschert. Die Meinung muss sich jeder selbst bilden. Jedenfalls bleiben neben einer verdächtigen Pseudo-Alternativität dennoch zahlreiche Gründe sich der Utopie (auf Zeit) zu nähern: Eine enorme Dichte an illustren Mitmenschen, gemütliche Bars, zahlreiche Konzerte und andere Veranstaltungen, kulinarische Schmankerl, architektonisch interessante Selbstkreationen und neben aller Buntheit gemütlich-naturnahe Rückzugsorte.

Die Meinungen über die Freistadt in Mitten Dänemarks Hauptstadt sind divergent. Manche wollen den aufmüpfigen Sonderlings-Sumpf trocken gelegt sehen, andere genießen den frischen Wind der alternativen Gemeinschaft. Und wieder andere spazieren einfach gerne nur durch. Wie lange das ungefähr 800 Leute zählende Städtchen noch so existieren wird, bleibt jedenfalls offen – bevare christiania!

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Link zur offiziellen Homepage

Damenspitz-Saufen

Mai 18, 2009 Von: tocomei Kategorie: Allgemein, Erasmus Noch keine Kommentare →

flunkyball

Idyllische Stimmung im Flunky-Stadion.

Erasmus-Studenten verspielen ihr Leben, sie geben sich dem “Flunkyball” hin (to flunk = engl. für durchfallen). Einem Phänomen, dass ohne Zweifel in den Gefilden des eher lockeren (Erasmus-) Studentendaseins besonders gut gedeiht. Denn es benötigt dazu eine beachtliche Anzahl an Leuten, die sich im Grünen zusammenfindet, um den Damenspitz zu ersporteln. Zwei Mannschaften stehen sich aufgereiht in einiger Meter Entfernung gegenüber. Sie schauen sich tiefst in die Augen, die Energie fließt. Jeder und jede findet zu Füßen eine Bierdose. Mittig zwischen den beiden Teams steht eine zur Hälfte gefüllte Wasserflasche, welche es mit einem Ball umzuwerfen gilt. Es wird also abwechselnd auf die Flasche geworfen. Landet ein Team einen (umwerfenden) Treffer, darf dieses so lange an den Bierdosen nuckeln, wie das andere Team braucht, um die Flasche neu aufzustellen, den Ball zu holen und erneut in Formation zu stehen – ein chaotisches Durcheinandergerenne. Wer seine Dose geleert hat, darf austreten. Die Mannschaften schrumpfen nach und nach. Jenes Team hat gewonnen, welches als erstes nur mehr Ausgetretene zählt.

Klingt banal? Ist es auch! Durch Geschicklichkeit schwindet langsam die Geschicklichkeit. Aber das Flunken reißt mit: Dynamik kommt auf, man spornt sich gegenseitig an, gelegentliches Durstlöschen scheitert mangels Präzession, die Welle geht durchs Flunk-estadio und letztlich schlägt sich doch der den Durst ersetzende Dusel auf die Treffsicherheit nieder. Es wird gelacht, getanzt, gefeiert, geschimpft, geschwitzt… Am Ende bleibt ein Damenspitz, nicht mehr und nicht weniger. Und doch scheint die geschlechterbezogene gängige Bezeichnung irgendwie fehl am Platze. Das kommt wahrscheinlich daher, dass die Mädels ihren männlichen Kontrahenten noch bei jeder Gelegenheit gezeigt haben, dass sie die besseren Geschicklichkeitstrinkerinnen sind. ¡Entonces, venga! – auf zum nächsten idyllischen Burschenspitz!

Ist das Sportliche erst einmal erledigt, begeben sich die Ausgetretenen zu bodennaher Ruhe. Das Essen wird ausgebreitet, die Gitarren hervorgeholt, Lieder werden angestimmt… der einen und dem anderen fallen dabei die Äuglein zu – geflunkt.

Bachmann, eine literarische Biedermeierin?

Mai 15, 2009 Von: cneu Kategorie: Allgemein, Gastartikel, Meinung 1 Kommentar →

 

GASTARTIKEL von C.neu mit Bezug auf “Ingeborg Bachmanns Politik samt Kommentar.

 

biedermeier

Spanische Öffentlichkeit

Die/der Klügere gibt nach!“. Eine Weisheit – von vielen geteilt. Meistens verwendet, um zu verdeutlichen, es sei nicht wert über etwas zu streiten. Stimmt das? Setzen sich die “Dümmeren” wirklich durch? Und heißt das, “Dumme” werden für uns entscheiden? Ist es denn wirklich klug wissentlich einer “dümmeren” Entscheidung zu folgen? Demokratie ist mehr als alle vier Jahre ein Kreuzchen zu zeichnen. Demokratie lebt von der Partizipation seiner Mitglieder. Die Artikulation der eigenen Interessen ist notwendig, um Aufmerksamkeit und Bewusstsein für eine Problemlage zu schaffen. Das ständige Ausverhandeln um die jeweiligen Interessen soll virulentes Durchsetzen der eigenen Interessen verhindern und den Einzelnen ermutigen sich auszudrücken. Trotzdem nehmen viele dieses Recht nicht in Anspruch – von der Pflicht sei erst gar nicht gesprochen.

Wieso ist das so? Bringt es sich tatsächlich nichts? Erscheint es als “nicht klug”? Die Nicht-Partizaption des Einzelnen bedeutet einen Rückzug des Politischen von der Öffentlichkeit ins Private und kann als Nachgeben seiner eigenen Interessen gegenüber eines Kafka’schen Schlosses verstanden werden – eine Tendenz? Wenn das Individuum seine bürgerlichen Rechte/Pflichten in der Öffentlichkeit nicht wahrnimmt, werden diese in das eigene Haus getragen. Zweifellos ist die Rolle Ingeborg Bachmanns als wertvolle Literatin unbestritten und auch von “unpolitisch” und “politikverdrossen” kann nicht die Rede sein (vergleiche ->). Ihre politischen Inhalte kommuniziert sie leise und latent. Ingeborg Bachmann kann als Sinnbild für ein modernes Politikverständnis gesehen werden,  das sich dadurch charakterisiert, Politik vorrangig privat zu halten – in den eigenen vier (literarischen) Wänden. Jeder kann sie besuchen kommen und ihre Bücher lesen. Das Schreiben von Büchern, Kommentaren oder das Erstellen von Internetpostings und -blogs zeugt davon politisch zu sein, nicht aber davon demokratisch zu sein. Wie dieser Internet-Artikel bewegt sich der latent-politische Inhalt Bachmanns in seinen eigenen vier Wänden. Er ersetzt nicht die eigene Partzipation in der Öffentlichkeit. Die jeweiligen Lesekreise sind in ihrer Reichweite begrenzt.

Bachmann kann daher nicht als unpolitisch oder politikverdrossen bezeichnet werden, da sie latent-politische Statements kommuniziert, aber eben fast ausschließlich im privaten (Leser-) Kreis, der das Engagement in der Öffentlichkeit nicht ersetzt und allenfalls als Vorstufe betrachtet werden kann.

Gab die kluge Ingeborg Bachmann nach?

Ingeborg Bachmanns Politik

Mai 11, 2009 Von: tocomei Kategorie: Allgemein, Meinung 2 Kommentare →

muttertag

Dies ist nicht Ingeborg Bachmann.

Gestern war Muttertag. Was hat der Muttertag mit Ingeborg Bachmann zu tun? Dies wird an dieser Stelle nicht beantwortet.

Vielmehr werden andere Fragen gestellt: Ingeborg Bachmann, bedeutende österreichische Lyrikerin und Prosaschriftstellerin des 20. Jahrhunderts, Verfasserin des Romans (?) “Malina”. Aus gegebenem Anlass wurde mir in den letzten Tagen Bachmanns Umgang mit der Öffentlichkeit (Interviews) näher gebracht. Sie hat es nicht geliebt sich der Öffentlichkeit verbal anzuvertrauen: “Ich sag`es lieber mit den Worten, die ich geschrieben habe“. Das Äußern über öffentlich-politische Angelegenheiten, das Stellung-Beziehen und alles in allem das von ihr verlangte  - aber vermisste – “politische Engagement”, dies alles berührte sie unangenehm. Was sie zu “sagen” hatte, das tat sie in niedergeschriebener Form, “denn dafür schreibt man ja!” All jene Mühlbauers aber, welche sich den Kopf über das Autobiographische an “Malina” zerbrachen und vergeblich eine klare politische Aussage in eben diesem Werk suchten, scheiterten daran, ihrer Leserschaft die (politische) Person Ingeborg Bachmann näher zu bringen. Denn konkrete Meinungsäußerungen zu “künstlichen Problemen” der Gesellschaft, diese überließ sie lieber den Politikern. Weiter noch, ist solches für sie auch nicht Aufgabe einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers. 

Welche Rolle sollen aber SchriftstellerInnen – und andere Intellektuelle – in einer Gesellschaft übernehmen? Ist es wirklich erstrebenswert, das Feld der Politik den PolitikerInnen zu überlassen? Oder ist dies bloß eigennützige Einstellung einer scheuen Schriftstellerin, die sich nach Rom zurückgezogen hat, um ungestört über Österreich schreiben zu können? Österreich, als für sie zur Ruhe gekommener Ort, der sich aus der Weltgeschichte verabschiedet hat. Als Lokalität, die eine gewisse objektive Perspektive auf den geschäftigeren Rest ermöglicht. Wurde nun aber zurecht mehr politisches Engagement von ihr verlangt? Hätte sie sich, aus ihrer österreichischen “objektiven Perspektive” heraus, mehr am politischen Diskurs beteiligen sollen? Hier geht es freilich nicht um die Frage eines Versäumnisses und damit verbundener Schuld. Es soll die Frage gestellt werden, welche Rolle der und des Intellektuellen aus Bachmanns zurückhaltenden Äußerungen skizziert werden kann. Damit verbunden scheint mir eine gründliche Ablehnung der (österreichischen) politischen Öffentlichkeit mit alle ihren Scheinproblemen, Scheinantworten und der journalistischen “Berichterstattung in Abhängigkeiten”. Äußerungen von ihrer Seite dazu, bezeichnet sie  als schlicht “nicht maßgeblich” – sind ihr dafür vielleicht gar zu schade?

Ihre Zurückgezogenheit und Vorsichtigkeit, ihr Unwille zum verbalen politischen Statement, all das muss freilich akzeptiert werden – dies steht ohnehin außer Frage. Was sie mitteilen wollte, das tat sie in geschriebenen Worten. Und in eben diesen lagen wahrscheinlich vielfach konkretere politische Äußerungen, als der eine oder andere Interviewpartner erkennen konnte. Dennoch trägt das Beispiel der zu früh gestorbenen Autorin einiges zur sehr aktuellen Politikverdrossenheit bei. Es impliziert, basierend auf ihrem Gefühl des Unvermögens, eine sehr österreichische Abneigung gegenüber politischer Beteiligung. Die (junge) Gesellschaft kehrt der Politik den Rücken zu. Selbst Intellektuelle überlassen die Politik den PolitikerInnen. Das verbreitete – und mir sehr vertraute – Gefühl der Unerheblichkeit eigenen Engagements ist tief in der gegenwärtigen Gesellschaft verankert. Aber dabei einfach sitzen bleiben? Kasperl und Pezi Politik machen lassen? Intellektuelle, die sich aus der Politik heraushalten, ihre Meinung für nicht maßgeblich erachten? Resignieren – Abschalten – Ablenken. Nun, Bachmann selbst fand ihre Erleichterung im Schreiben – das war ihr Weg, sich der Öffentlichkeit zu öffnen. Das war Bachmanns Politik?

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K.P. (2009): Ingeborg Bachmann – Interviews, Diplomarbeit der Germanistik, Universität Wien